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Farbe bekennen – Das Paket. Verzicht in der heutigen Zeit

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Über das, was ich am Mittwoch bestellt habe und am Donnerstag nicht mehr brauchte. Über die kleine Kapitulation am Bildschirm. Und über die Frage, warum ich mir selbst weniger zutraue als jeder Werbeanzeige.

Farbe bekennen – Das Paket.
Farbe bekennen — Vier Pop-Art-Porträts in Magenta, Gelb, Grün und Violett
Farbe bekennen — meine persönliche Sicht
Folge 04 · Violett
Kolumne von Björn W. Kasper 28. April 2026

Das Paket.

Über das, was ich am Mittwoch bestellt habe und am Donnerstag nicht mehr brauchte. Über die kleine Kapitulation am Bildschirm. Und über die Frage, warum ich mir selbst weniger zutraue als jeder Werbeanzeige.

Das Paket steht im Flur. Ich weiß noch, wann ich es bestellt habe. Es war ein Mittwochabend, kurz nach zehn. Der Tag war lang gewesen, das Mandat unangenehm, das Telefonat mit dem Mandanten zäh. Ich saß auf dem Sofa, das Licht war gedimmt, das Glas Wein halb leer. Ich hatte nichts vor. Ich öffnete das Telefon, weil ich nichts vorhatte. Und dann fand mich die Anzeige, die meinte zu wissen, was ich brauche.

Ich brauchte es nicht. Ich wusste das auch in dem Moment, in dem ich auf „Kaufen“ tippte. Ich habe es trotzdem getan. Nicht weil mich jemand gezwungen hätte. Nicht weil ich mich verrechnet hätte. Sondern weil es leichter war, einmal zu klicken, als zu fragen, warum ich überhaupt am Telefon hing.

Ich werfe niemandem etwas vor. Mir am wenigsten.

Es wäre einfach, jetzt über die Algorithmen zu schreiben. Über die Tricks der Plattformen. Über den Dopaminkick, der wissenschaftlich belegt ist, und über die Designer in San Francisco, die genau wissen, was sie tun. All das stimmt. All das habe ich selbst schon geschrieben. Und es ist trotzdem die falsche Seite des Spiegels.

Die Algorithmen haben recht behalten, weil ich klein war. Nicht klein im Wortsinn — klein in der Disziplin. Das ist die unangenehme Wahrheit. Das System hat mich nicht überlistet. Es hat mich beim Wort genommen. Es hat angenommen, dass ich an einem Mittwochabend um zehn keine Kraft mehr habe, eine Anzeige zu ignorieren. Es hatte recht.

Versuchung ist nicht die Frage. Verfassung ist die Frage.

Wir reden über Konsum, als sei er ein moralisches Problem. Als ginge es um Gier. Als ginge es um Habsucht. Aber die meisten Käufe, die ich bereue, hatten nichts mit Gier zu tun. Sie hatten mit Müdigkeit zu tun. Mit dem leisen Wunsch, in einem leeren Moment etwas zu finden, das sich nach Bewegung anfühlt. Etwas zu bestellen ist Bewegung. Es bestätigt, dass ich noch da bin, dass ich noch entscheide, dass ich noch Wahl habe.

Es ist eine sehr arme Form der Selbstbestätigung. Aber es funktioniert kurz. Und kurz reicht, wenn der Tag lang war.

Was mir fehlt, ist nicht die Erkenntnis. Was mir fehlt, ist die Verfassung, in den müden Stunden anders zu reagieren. Wer das nicht hat, kauft. Wer das hat, schläft. Beides ist eine Entscheidung. Nur eine ist nüchtern.

Ich habe gelernt, das Klicken zu lieben.

Das eigentliche Problem ist nicht das, was ankommt. Es ist das, was vorher passiert. Der kleine Sog beim Stöbern. Die Vorfreude beim Vergleichen. Die fast meditative Ruhe beim Auswählen einer Schraube, die ich nicht brauche, in einem Forum, in dem Menschen über Schrauben schreiben, als seien sie Bedeutung.

Ich habe das alles unbemerkt geübt. Über Jahre. Mein Hirn weiß heute, dass das Online-Stöbern eine zuverlässige kleine Erleichterung bringt. Es greift danach wie ein anderes Hirn nach einer Zigarette. Ohne Drama. Mit Gewohnheit. Und wer das nicht zugibt, lügt sich an.

Ich habe nicht zu viel gekauft. Ich habe zu oft den Moment gefürchtet, in dem nichts passiert.

Wer ehrlich sein will, beginnt nicht beim System.

Es gibt eine bequeme Form der Konsumkritik. Sie zeigt mit dem Finger auf die Konzerne, auf die Werbung, auf die Bequemlichkeit der anderen, auf die Schwäche der Generation Z. Diese Kritik ist wohlfeil, weil sie immer woanders sucht. Sie schont den Sprecher. Sie kostet ihn nichts.

Die ehrliche Kritik beginnt im Flur. Beim eigenen Paket. Bei der Frage, warum ich es bestellt habe, obwohl ich wusste, dass ich es nicht brauche. Diese Frage ist unangenehmer als jede Systemkritik, weil sie nicht ausweicht. Sie zeigt, dass ich beteiligt bin. Dass ich der Markt bin, den ich kritisiere.

Das ist keine Demütigung. Das ist eine Erleichterung. Wer beteiligt ist, kann etwas ändern. Wer nur Opfer ist, kann nur klagen.

Selbsterziehung ist ein altes Wort. Es ist trotzdem das richtige.

Ich habe keine Patentlösung. Ich habe einen Versuch. Er besteht darin, müde Stunden nicht mehr für Entscheidungen zu nutzen, die nüchterne Stunden brauchen. Kein Telefon nach zweiundzwanzig Uhr. Kein Bestellen am Wochenende, wenn ich überreizt bin. Keine App auf dem Startbildschirm, die mir sagen will, was mir fehlt.

Das ist banal. Das ist mühsam. Das funktioniert manchmal. Es ist keine Befreiung im großen Sinn. Es ist ein leiser, langsamer Versuch, mir selbst nicht ständig in den Rücken zu fallen.

Manchmal gelingt es. Manchmal steht am Donnerstag wieder ein Paket im Flur. Dann öffne ich es, lege den Inhalt zur Seite und merke mir den Zeitpunkt. Ich notiere ihn nicht. Ich habe nur einen einzigen Eindruck, der bleibt: dass ich gestern wieder klein war.

Ich kaufe, also bin ich abgelenkt.

Der Satz vom kaufenden Menschen, der gerade dadurch existiert, ist eine schöne philosophische Geste. Er ist auch eine Lüge. Wer kauft, ist nicht. Wer kauft, hat den Moment überbrückt, in dem er hätte sein können — sei es allein, sei es ratlos, sei es einfach still.

Ich bekenne mich nicht zum Verzicht. Ich bekenne mich zur Niederlage. Zu der Tatsache, dass ich den Sog kenne, dass er mich kennt, und dass ich ihn nicht jedes Mal bestehe. Aber ich bekenne mich auch dazu, das Spiel beobachtet zu haben. Das ist der einzige Vorteil, den der Erwachsene gegenüber dem System hat: dass er das Spiel kennt, auch wenn er manchmal verliert.

Das ist meine Farbe. Violett. Nicht laut. Nicht selbstgewiss. Eine ehrliche Farbe für eine ehrliche Niederlage — und für die leise Entscheidung, sie morgen vielleicht nicht zu wiederholen.

Björn W. Kasper  ·  Farbe bekennen · Folge 04

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