Mein Blick – Die leeren Wiegen

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Gestern hat das Statistische Bundesamt die Geburtenzahlen für 2025 vorgelegt. 654.300 Kinder. Niedrigster Stand seit 1946. Vierter Rückgang in Folge. Sterbeüberhang von 352.000. Und während dieser Befund veröffentlicht wird, fehlen in deutschen Kitas 300.000 Plätze, an deutschen Schulen bis 2035 rund 156.000 Lehrkräfte, und ein Kind kostet seine Eltern monatlich 763 Euro. Das ist keine demografische Statistik. Das ist ein Vertrauensverlust.

Die leeren Wiegen — iambwkasper.de
Mein Blick · Kolumne zu Politik, Staat und Gesellschaft

Die leeren Wiegen

Gestern hat das Statistische Bundesamt die Geburtenzahlen für 2025 vorgelegt. 654.300 Kinder. Niedrigster Stand seit 1946. Vierter Rückgang in Folge. Sterbeüberhang von 352.000. Und während dieser Befund veröffentlicht wird, fehlen in deutschen Kitas 300.000 Plätze, an deutschen Schulen bis 2035 rund 156.000 Lehrkräfte, und ein Kind kostet seine Eltern monatlich 763 Euro. Das ist keine demografische Statistik. Das ist ein Vertrauensverlust.

Björn W. Kasper 28. April 2026 13 Min. Lesezeit
Mein Blick – Kolumne zu Politik, Staat und Gesellschaft
Mein Blick · Kolumne zu Politik, Staat und Gesellschaft

Eine Bekannte aus meinem Stadtteil, Mitte dreißig, gut ausgebildet, Doppelverdiener-Haushalt, hat mir vor zwei Wochen erzählt, sie habe das zweite Kind verschoben. Nicht aus Lust und Laune. Sondern weil sie für das erste seit acht Monaten keinen Kitaplatz findet, weil ihre Eltern zu weit weg wohnen, weil ihr Arbeitgeber Teilzeit zwar erlaubt, aber die Karriere ausbremst, weil die Wohnung mit zwei Kindern zu klein ist und die nächst größere unbezahlbar. Sie hat mir das nicht klagend erzählt, sondern nüchtern, fast geschäftsmäßig. Wie eine Risikoanalyse. Eltern werden in Deutschland heute zu Risikoanalytikern erzogen. Und das Ergebnis steht seit gestern in der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts.

Ich gestehe vorab eine Position, weil die Kolumne andernfalls Schein wäre. Ich finde, was diesem Land in den letzten zwei Jahrzehnten in der Familienpolitik gelungen ist, ist erstaunlich wenig. Was ihm im Bildungsbereich gelungen ist, ist erstaunlich wenig. Und was ihm in der Verbindung beider Felder — Demografie und Bildung — gelungen ist, ist nichts. Wir reden seit 25 Jahren über die Alterung der Gesellschaft und tun bestenfalls so, als sei sie eine Aufgabe der nächsten Legislatur. Sie ist die Aufgabe dieser Legislatur. Sie wäre die Aufgabe der vorletzten gewesen. Wir sind spät dran.

Deutschland hat nicht ein Demografieproblem. Es hat zwei sich gegenseitig verstärkende Problemschichten: Es werden zu wenig Kinder geboren — und die Kinder, die geboren werden, wachsen in einem System auf, das für sie strukturell zu wenig Platz, zu wenig Lehrer und zu wenig Unterstützung hat. Beide Schichten erklären sich gegenseitig. Wer ein zweites Kind in einem Land bekommen soll, in dem das erste keinen Kitaplatz findet, in dem in der Grundschule jeder vierte Lehrer keine Lehramtsprüfung hat, in dem ein Drittel der Fünfzehnjährigen die Mathematik-Mindeststandards verfehlt, der wägt zweimal ab. Das Ergebnis dieser Abwägung sehen wir seit gestern. Die Geburtenrate ist die Quittung der Familienpolitik. Und die Quittung fällt verheerend aus.

Was die Zahlen sagen

Am 28. April 2026 hat das Statistische Bundesamt mitgeteilt, dass im Jahr 2025 in Deutschland 654.300 Kinder geboren wurden. Das sind 3,4 Prozent weniger als 2024. Die Geburtenzahlen sind das vierte Jahr in Folge gefallen. Der niedrigste Stand seit 1946. Im selben Jahr starben rund 1,01 Millionen Menschen — ein Sterbeüberhang von 352.000. Das ist das größte Geburtendefizit der Nachkriegszeit. Die zusammengefasste Geburtenziffer lag 2024 bei 1,35 Kindern pro Frau, bei deutschen Frauen sogar bei nur 1,23 — ein Wert, den es zuletzt 1996 gab. Und die Bevölkerungsvorausberechnung sagt, dass die deutsche Geburtenzahl selbst unter günstigen Annahmen das Niveau von 2021 mit 795.000 Geburten nicht mehr erreichen wird.

Im europäischen Vergleich ist das nicht trivial, aber auch nicht einzigartig. Frankreich, Österreich, Italien und Schweden melden für 2025 ebenfalls Rückgänge. In Spanien, den Niederlanden und Finnland zeichnet sich dagegen eine Stabilisierung ab. Frankreich hatte über Jahrzehnte die höchste Geburtenrate Westeuropas — gestützt auf eine systematisch ausgebaute Kinderbetreuungsinfrastruktur, ein durchgängiges Schulganztagssystem und ein Steuerrecht, das mit dem „quotient familial“ Familien substanziell entlastet. Genau diese drei Säulen fehlen in Deutschland — oder sind so lückenhaft, dass sie nicht tragen. Frankreich verliert gerade seine Sonderrolle. Aber selbst dort liegt die Geburtenrate noch über deutschen Werten. Und während Spanien stabilisiert, fällt Deutschland weiter.

Die Verteilung im Land ist ungleich. In Mecklenburg-Vorpommern fielen die Geburten 2025 um 8,4 Prozent. Hamburg ist das einzige Bundesland mit einem leichten Plus von 0,5 Prozent. Im Osten ist der Rückgang seit 2016 mit 28,6 Prozent fast doppelt so stark wie im Westen mit 13,8 Prozent. Das hat strukturelle Gründe — Abwanderung, schwächere wirtschaftliche Aussichten in vielen ländlichen Räumen, fehlende Hochschulpräsenz —, aber es zeigt auch, dass der demografische Niedergang regional besonders dort schnell wird, wo der Staat strukturell zurückgewichen ist.

Was am Geburtenrückgang besonders ist

Das Statistische Bundesamt nennt zwei Ursachen. Erstens: Die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er-Jahre treten jetzt in das Alter Anfang dreißig ein, in dem typischerweise Kinder kommen. Dadurch sind weniger potenzielle Mütter da. Zweitens: Die zusammengefasste Geburtenziffer fällt seit 2022 kontinuierlich. Beide Befunde stimmen. Und beide sind unzureichend, wenn man sie nicht zusammen mit den Lebensbedingungen liest, unter denen Kinder gezeugt, geboren und großgezogen werden müssen.

Denn anders als die abstrakte Demografie-Sprache nahelegt, fallen Kinder nicht aus statistischen Gründen aus. Sie fallen aus, weil junge Erwachsene mit großer Vernunft die Lage beurteilen. Eine Kohortenstudie der Bundesregierung — der Familienreport 2024 des damaligen BMFSFJ — hat festgestellt, dass die durchschnittliche Wunschkinderzahl in Deutschland bei 2,1 liegt. Die tatsächliche Geburtenziffer bei 1,35. Diese Lücke von 0,75 Kindern pro Frau ist keine Frage des Wollens. Sie ist eine Frage des Könnens. Wer ein Kind will, aber keines bekommt, hat ein Vertrauen verloren. Und dieses Vertrauen ist das Erklärungszentrum.

Die Zahlen · Destatis 28.04.2026 · IW Köln 11/2025 · BMK 02/2025 · OECD PISA 2022
654.300
Geburten 2025 in Deutschland — niedrigster Stand seit 1946, vierter Rückgang in Folge
300.000
fehlende Kitaplätze für unter Dreijährige laut IW Köln, jedes siebte Kind ohne Platz
156.000
fehlende Lehrkräfte bis 2035 nach IW-Berechnung Geis-Thöne — KMK selbst spricht von 50.000

Was Eltern in Deutschland erleben

Wer ein Kind bekommt, läuft in Deutschland gegen drei Wände. Die erste ist die Betreuungswand. Seit 2013 besteht ein Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Mehr als zehn Jahre nach dem Inkrafttreten dieses Anspruchs fehlen nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft im Jahr 2025 bundesweit 300.000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige. 14,2 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe — fast jedes siebte — gehen leer aus. In Bremen findet jedes vierte Kind keinen Platz, in Nordrhein-Westfalen liegt der Anteil bei 18,6 Prozent. Wer auf einen Platz wartet, hat keine Wahl: Er finanziert die Betreuung privat, wenn er es sich leisten kann; er reduziert die Erwerbsarbeit, wenn er es muss; er verzichtet auf das nächste Kind, wenn beides zusammenkommt. Genau diese Verzichtsentscheidung steht in der gestrigen Destatis-Mitteilung.

Die zweite Wand ist die Schulwand. Im Schuljahr 2023/24 hatten 10,5 Prozent der Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen — rund 77.600 von 739.500 — keine anerkannte Lehramtsprüfung. Ein Jahr zuvor waren es 9,8 Prozent. Die Tendenz steigt. Nordrhein-Westfalen meldete im Dezember 2025 8.800 unbesetzte Lehrerstellen. Die Bildungsministerkonferenz selbst rechnet bis 2035 mit einem Defizit von rund 50.000 Lehrkräften. Bildungsforscher Klaus Klemm hält diese Prognose für geschönt und kommt auf 75.000. Wido Geis-Thöne vom IW Köln rechnet sogar mit bis zu 156.000 fehlenden Lehrern bis 2035. Welcher Wert auch zutrifft: Wir reden über mindestens fünfzig-, eher siebzig-, möglicherweise hundertfünfzigtausend Lehrkräfte, die ein deutsches Kind, das jetzt geboren wird, in seiner Schullaufbahn statistisch nicht mehr antreffen wird.

Die dritte Wand ist die Qualitätswand. Die OECD-PISA-Studie 2022 hat für Deutschland den stärksten Rückgang aller bisherigen PISA-Runden gemeldet. In Mathematik haben 30 Prozent der fünfzehnjährigen Schüler die Mindeststandards verfehlt. Im Lesen 25,5 Prozent. Der IQB-Bildungstrend für die vierten Klassen zeigt eine ähnliche Tendenz: Ein Viertel der Viertklässler kann nicht gut genug lesen, um im weiteren Bildungsverlauf erfolgreich zu lernen. Der Zusammenhang zwischen Elternhaus und Schulerfolg ist in Deutschland mit 19 Prozent Varianzaufklärung deutlich stärker als im OECD-Durchschnitt mit 15 Prozent — der deutsche Bildungserfolg hängt stärker am Elternhaus, als er soll. Das ist nicht nur eine Bildungsfrage. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit zwischen Geburtshaushalten.

Die ehrliche Bemerkung zum Migrationsthema

Hier muss ich präzise werden, weil das Thema vergiftet ist. Die OECD-Daten 2022 zeigen einen Leistungsrückstand von 59 bis 67 Punkten zwischen Schülern mit und ohne Zuwanderungsgeschichte in Deutschland. Das sind ungefähr eineinhalb Schuljahre Rückstand. Die Differenz ist in Deutschland größer als in vielen Vergleichsländern — und sie wächst. Daraus folgt nicht, dass Migration das Problem ist. Daraus folgt, dass das deutsche Bildungssystem die Integrationsleistung, die es übernehmen müsste, nicht erbringt. Andere Länder mit ähnlichen Migrationsanteilen — Kanada, Australien, Spanien — schaffen es, den Leistungsabstand kleiner zu halten. Das ist nicht der Unterschied zwischen den Migranten. Das ist der Unterschied zwischen den Schulsystemen. Wer das Migrationsthema seriös ansprechen will, muss die Schulpolitik ansprechen — und die Stunden Sprachförderung, die wir vorhalten, oder eben nicht vorhalten. Die Stunden Sprachförderung in deutschen Schulen sind im internationalen Vergleich gering. Das ist eine politische Entscheidung. Sie ist revidierbar.

Die Kostenwand

Das Statistische Bundesamt hat 2018 ermittelt, dass ein Paarhaushalt in Deutschland für ein Kind durchschnittlich 763 Euro pro Monat ausgibt — bei Alleinerziehenden 710 Euro. Diese Zahl ist nominal seit 2013 um 16 Prozent gestiegen. Sie liegt heute, nach der Inflationswelle 2022 bis 2024, deutlich höher. Realistisch sind 850 bis 950 Euro pro Monat für ein Kind. Das macht für die ersten 18 Lebensjahre eine Größenordnung von 180.000 bis 200.000 Euro pro Kind, ohne Studium. Das ist kein abstrakter Wert — das ist die größte Einzelinvestition im Leben der meisten Familien. Die öffentliche Hand gibt im Vergleich dazu im Jahr 2024 78,8 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe aus, plus 9,5 Prozent gegenüber 2023. Das klingt viel. Pro Kind unter 18 Jahren in Deutschland sind es rund 6.000 Euro im Jahr — und in der Bildung pro Schüler liegt Deutschland mit 11.587 US-Dollar weiterhin merklich unter Dänemark mit 14.273 US-Dollar. Wir geben nicht zu wenig aus. Wir geben es falsch aus. Vor allem: Wir geben es spät aus.

Die Befürworter eines Status quo ernst genommen

Drei Argumente kommen regelmäßig, wenn die Familienpolitik kritisiert wird. Sie verdienen eine ehrliche Antwort, kein Wegwischen.

Erstens: Geburtenrückgang ist ein Wohlstandsphänomen. Reichere Gesellschaften bekommen weniger Kinder, das sei weltweit so. Stimmt im Trend. Aber es erklärt nicht die Spreizung innerhalb Europas. Frankreich hatte jahrzehntelang höhere Geburtenraten als Deutschland — bei vergleichbarem Wohlstand. Der Unterschied lag in der Familienpolitik, nicht im Bruttoinlandsprodukt. Der Wohlstandsbefund ist daher eine Halbwahrheit, mit der man Untätigkeit rechtfertigt. Eine ehrliche Politik würde sagen: Innerhalb des Wohlstandstrends gibt es Spielraum. Diesen Spielraum nutzen wir nicht.

Zweitens: Migration füllt die demografische Lücke. Der Befund ist nicht falsch. 2024 hatten ausländische Mütter eine Geburtenrate von 1,84 — höher als die deutsche von 1,23. Allerdings sinkt auch diese Rate seit 2017. Und entscheidender: Migration kann ein demografisches Problem mildern, aber sie löst kein Bildungs- und Betreuungsproblem. Im Gegenteil — ohne ausgebautes Bildungs- und Betreuungssystem wird Migration zur sozialen Lasten- und Konfliktverteilungsfrage, statt zur Integrationschance. Wer die Migration als Lösung ankündigt, ohne Kitaplätze, Lehrer und Sprachförderung zu liefern, verkauft den Bürgern eine politische Selbstberuhigung.

Drittens: Eltern entscheiden nun einmal individuell. Der Staat habe nichts zu wollen. Stimmt für die Entscheidung als solche. Stimmt nicht für die Bedingungen. Wenn die durchschnittliche Wunschkinderzahl 2,1 beträgt und die tatsächliche 1,35, dann gibt es eine Lücke von 0,75 Kindern pro Frau, die Eltern wollen würden, aber nicht bekommen. Diese Lücke ist nicht „individuelle Entscheidung“. Sie ist staatliche Verfehlung. Den Bürgern Selbstbestimmung zu attestieren, wo sie tatsächlich von Sachzwängen getrieben werden, ist die rhetorisch eleganteste Form, die eigene Politik zu entlasten.

Jedes der drei Argumente trägt einen wahren Kern. Keines wiegt die Befunde auf. Wer auf eine Lage von 1,23 Kindern pro deutsche Frau reagiert mit „Wohlstand erklärt das, Migration kompensiert das, Eltern entscheiden selbst“ — der hat keine Familienpolitik mehr. Er hat eine Resignation in drei Variationen.

Sechs konkrete Lösungen

Kritik ohne Vorschläge ist halbe Arbeit. Im Folgenden sechs Hebel, die innerhalb der gegebenen Verfassungs- und Haushaltslage umsetzbar sind. Sie sind nicht billig. Aber jeder Euro, der nicht in Kinder investiert wird, kostet später ein Vielfaches in der Rentenkasse. Demografiepolitik ist Investitionspolitik.

Was tun?

Sechs Hebel, die präzise genug sind, um morgen in einen parlamentarischen Antrag zu wandern.

I.
Den Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung mit einer Kommunal-Haftung verbinden. § 24 SGB VIII regelt seit 2013 den Rechtsanspruch auf einen U3-Platz. Das BGH-Urteil III ZR 280/14 von 2016 hat festgestellt: Eltern können bei nicht erfüllter Vorhaltepflicht den Verdienstausfall geltend machen. In der Praxis scheitern Klagen an Verfahrensdauer und Beweislast. Ein neuer § 24a SGB VIII sollte regeln: Wird ein zugesagter Platz binnen drei Monaten nicht gestellt, hat die Kommune dem Elternteil monatlich 1.000 Euro Ausfallpauschale zu zahlen — bis ein Platz verfügbar ist. Das ist keine Strafe, sondern eine Anreizumkehrung. Heute trägt der Bürger das Versagen. Morgen die Kommune.
II.
Die Erzieherausbildung dual und vergütet öffnen. Heute kostet die Erzieherausbildung — drei Jahre an einer Fachschule plus Anerkennungsjahr — den Auszubildenden in vielen Bundesländern Geld statt es ihm zu zahlen. Bayern und Brandenburg haben mit der praxisintegrierten Ausbildung (PiA) gezeigt, dass es anders geht: dreijährige duale Ausbildung mit Vergütung von rund 1.300 Euro im ersten Jahr. Der Bund sollte gesetzlich erzwingen, was die Länder zu zögerlich machen: PiA als bundesweiter Standard. Das Personalmangel-Problem in den Kitas ist zu großen Teilen ein Vergütungsproblem. Ohne Vergütung keine Bewerber.
III.
Eine Lehrerreserve nach französischem Vorbild. In Frankreich gibt es eine systematische Lehrkräfte-Vertretungsreserve, die regional flexibel eingesetzt wird. Deutschland hat in der Pandemie improvisiert — und seither nichts daraus gelernt. Eine bundesgesetzliche Regelung sollte vorschreiben: Jedes Bundesland muss 5 Prozent zusätzliche Lehrerstellen als Mobilreserve vorhalten. Finanzierung: Aus dem Bildungspakt zwischen Bund und Ländern. Der zehnprozentige Anteil ungelernter Lehrkräfte würde mit qualifizierten Reservekräften reduziert, statt mit Quereinsteigern aufgefangen, deren Eignung unsystematisch geprüft wird.
IV.
Den Kinderfreibetrag radikal erhöhen und verstetigen. Der aktuelle Kinderfreibetrag liegt 2026 bei 6.672 Euro pro Kind und Jahr (Bundesanteil), dazu kommt das Kindergeld von 255 Euro pro Monat. Das deckt die durchschnittlichen Aufwendungen von 850 bis 950 Euro pro Monat nicht. Eine Anhebung des Kinderfreibetrags auf 12.000 Euro pro Kind und Jahr — kombiniert mit einer automatischen Inflationsanpassung — würde Familien strukturell entlasten, ohne dass jedes Mal eine politische Debatte nötig wäre. Kosten: rund 25 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist viel. Es ist aber gleich der Hälfte dessen, was Deutschland für die Bundeswehr-Sondervermögen pro Jahr auswendet. Familien sind eine Sicherheitsfrage.
V.
Eine bundesweite Sprachförderpflicht ab Kita-Eintritt mit Verbindlichkeit. Die OECD-Studien zeigen, dass Deutschland bei der Integration durch Bildung schlechter abschneidet als Vergleichsländer. Die Ursache liegt in zu spät einsetzender und zu wenig verpflichtender Sprachförderung. Ein neuer § 22a SGB VIII sollte regeln: Jedes Kind, dessen Familiensprache nicht oder nicht überwiegend Deutsch ist, hat ab dem dritten Lebensjahr Anspruch auf eine zusätzliche tägliche Stunde Sprachförderung in der Kita, finanziert durch den Bund. Vor Schuleintritt ein verbindlicher Sprachstandstest mit verpflichtender Förderung im letzten Kita-Jahr. Das ist keine Schikane gegen Migrantenfamilien — es ist ein Anspruch zugunsten der Kinder.
VI.
Familien-Wohnraum durch ein steuerliches Vorkaufsrecht stärken. Die teuerste Wand für Familien ist die Wohnungswand. Wer ein zweites oder drittes Kind erwartet, braucht mehr Quadratmeter — und die sind in deutschen Großstädten unbezahlbar geworden. Ein neuer § 4a Erbschaftsteuergesetz mit Bundeskompetenz sollte regeln: Familien mit zwei oder mehr Kindern erhalten beim Erwerb selbstgenutzten Wohneigentums einen Steuerfreibetrag von 100.000 Euro auf die Grunderwerbsteuer und das Recht auf zinsverbilligte KfW-Darlehen mit verlängerter Laufzeit. Das ist nicht das einzige Instrument, aber das wirksamste. Wer Kinder will, braucht Platz. Der Staat hat hier bisher nichts geliefert, was ankommt.

Wenn ich nur einen dieser sechs Vorschläge durchsetzen könnte, wäre es Punkt I — die Kommunal-Haftung beim Kitaplatz. Nicht weil die anderen weniger wichtig wären. Sondern weil dieser Hebel die Anreizstruktur grundsätzlich umkehrt. Heute trägt der Bürger das Risiko des kommunalen Versagens — er verzichtet auf das Kind, auf die Erwerbstätigkeit, auf den nächsten Karriereschritt. Morgen würde die Kommune das Risiko tragen. Wer einmal im kommunalen Haushalt monatlich 1.000 Euro pro nicht erfülltem Platz schreiben muss, baut innerhalb eines Jahres den Platz. Das ist keine Theorie. Das ist Verwaltungspraxis. Genau dort, wo der Staat heute am brutalsten versagt — dem Rechtsanspruch — muss er sich verbindlich verpflichten. Sonst ist das Wort „Recht“ leer.

Eine Gesellschaft, die ihre Wiegen leer lässt, hat nicht zu wenig Kinder. Sie hat zu wenig Vertrauen. Wiederherzustellen ist beides — aber nur in dieser Reihenfolge.
Zum Mitnehmen · Zitate aus dieser Kolumne
Die Geburtenrate ist die Quittung der Familienpolitik. Und die Quittung fällt verheerend aus.
Die These
Eltern werden in Deutschland heute zu Risikoanalytikern erzogen. Das Ergebnis steht seit gestern in der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts.
Die Diagnose
Wer auf eine Lage von 1,23 Kindern pro deutsche Frau reagiert mit „Wohlstand erklärt das, Migration kompensiert das, Eltern entscheiden selbst“ — der hat keine Familienpolitik mehr. Er hat eine Resignation in drei Variationen.
Die Verdichtung
Eine Gesellschaft, die ihre Wiegen leer lässt, hat nicht zu wenig Kinder. Sie hat zu wenig Vertrauen.
Die Pointe
BK
Über den Autor Björn W. Kasper ist ausgebildeter Jurist und Publizist. Auf iambwkasper.de und im Podcast „Aus der Sicht eines Nachdenklichen“ kommentiert er Politik, Gesellschaft und Recht. Diese Kolumne ist eine persönliche Meinungsäußerung und ersetzt keine Beratung im Einzelfall.

Häufige Fragen

Zum Mitlesen und Weiterdenken
Ist der Geburtenrückgang nicht ein gesamteuropäisches Phänomen?
Im Trend ja, in der Spreizung nein. Auch Frankreich, Österreich, Italien und Schweden meldeten 2025 Rückgänge. Spanien, die Niederlande und Finnland zeigen aber eine Stabilisierung. Innerhalb des europäischen Trends gibt es klare Unterschiede zwischen Ländern mit ausgebauter Familieninfrastruktur und Ländern, in denen Eltern strukturelle Hürden überwinden müssen. Deutschland gehört zur zweiten Gruppe — und das nicht zufällig. Frankreich hatte jahrzehntelang die höchste Geburtenrate Westeuropas, gestützt auf flächendeckende Kinderbetreuung und ein Steuerrecht mit dem „quotient familial“. Die Lehre: Familienpolitik wirkt. Sie wirkt nur, wenn sie konsequent ist.
Wäre nicht mehr Migration die einfachste Antwort auf das Demografieproblem?
Migration kann den Schaden mildern, sie löst das Problem nicht. Die zusammengefasste Geburtenziffer ausländischer Frauen lag 2024 bei 1,84 Kindern pro Frau — höher als bei deutschen Frauen, aber seit 2017 ebenfalls fallend. Wichtiger ist: Migration ohne ausgebautes Bildungs- und Betreuungssystem führt nicht zu Integration, sondern zu Spannungen. Die OECD-PISA-Daten 2022 zeigen einen Leistungsabstand von 59 bis 67 Punkten zwischen Schülern mit und ohne Zuwanderungsgeschichte — das sind eineinhalb Schuljahre Rückstand. Andere Länder mit ähnlichen Migrationsanteilen schaffen es, diesen Abstand kleiner zu halten. Das Problem ist nicht die Migration. Das Problem ist das Bildungssystem, das die Integrationsleistung nicht erbringt.
Kostet die geforderte Familienpolitik nicht zu viel?
Sie kostet — keine Frage. Eine Anhebung des Kinderfreibetrags auf 12.000 Euro pro Kind und Jahr läge bei rund 25 Milliarden Euro jährlich. Eine Lehrerreserve von 5 Prozent zusätzlicher Stellen würde mehrere Milliarden kosten. Der Sprachförderausbau, die Erzieher-Vergütung, die Kommunal-Haftung beim Kitaplatz — zusammen sind das 30 bis 40 Milliarden Euro. Das ist kein kleines Geld. Aber es ist deutlich weniger als das, was Deutschland in das Bundeswehr-Sondervermögen investiert. Und es ist weniger als das, was uns ein Renten- und Pflegesystem kostet, das auf zu wenige Beitragszahler trifft. Familienpolitik ist Investitionspolitik. Wer das nicht versteht, rechnet falsch.
Sind die Lehrerzahlen der KMK tatsächlich falsch?
Die Bildungsministerkonferenz prognostiziert ein Defizit von rund 50.000 Lehrkräften bis 2035. Bildungsforscher Klaus Klemm widerspricht dieser Zahl als zu optimistisch und kommt auf etwa 75.000 fehlende Lehrer. Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft legte 2022 eine Berechnung vor, die bis zu 156.000 fehlende Lehrkräfte bis 2035 ergibt. Die Diskrepanz erklärt sich durch unterschiedliche Annahmen zu Schülerzahlen, Bedarfen für Ganztagsbetreuung und Quereinsteigern. Welcher Wert auch zutrifft: Schon die niedrigste Schätzung beschreibt einen massiven Engpass. Die KMK-Zahl wird von Bildungsforschern als „nicht nachvollziehbar“ und „teilweise unseriös“ kritisiert (Klemm 2025).
Was kann ein Einzelner tun, wenn er heute Eltern wird oder werden will?
Diese Kolumne ist keine Lebensberatung — und ich tue niemandem den Gefallen, individuelle Lösungen für strukturelle Probleme zu empfehlen. Was ich aber sagen kann: Wer den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz nach § 24 SGB VIII geltend macht und keinen Platz erhält, kann nach BGH-Rechtsprechung (III ZR 280/14, Urteil vom 20.10.2016) Schadenersatz für entstandenen Verdienstausfall geltend machen. Die Verfahren sind aufwendig, aber rechtlich aussichtsreich. Wer einen verlässlichen Kinderbetreuungsvertrag braucht, kann zudem von der Kommune die schriftliche Zusicherung nach § 38 VwVfG verlangen. Beides nutzen die wenigsten — sollten es aber nutzen. Denn Druck wirkt, wenn die Kosten bei der Verwaltung anfallen.

Quellen & Primärmaterial

Für eigene Recherche und Nachprüfung

Statistische Behörden und amtliche Quellen

  • Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung Nr. 146 vom 28. April 2026: „Zahl der Geburten sinkt im Jahr 2025 auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit“. destatis.de/PD26_146
  • Statistisches Bundesamt, Themenseite Geburten — Geburtenrate 2024: 1,35 Kinder/Frau, deutsche Frauen 1,23, ausländische Frauen 1,84. destatis.de/geburten
  • Statistisches Bundesamt, 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Pressemitteilung 446 vom 11. Dezember 2025.
  • Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Januar 2026: „Öffentliche Hand gab 2024 rund 78,8 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe aus“ (+9,5 % gegenüber 2023).
  • Statistisches Bundesamt, Sozialbericht 2024 — Konsumausgaben für Kinder: 763 Euro pro Monat im Paarhaushalt, 710 Euro bei Alleinerziehenden (Datenbasis EVS 2018).

Wissenschaftliche Studien und Sachverständigengutachten

  • Wido Geis-Thöne, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, IW-Report November 2025: „300.000 Kitaplätze für unter Dreijährige fehlen“. iwkoeln.de/kitalücke
  • Klaus Klemm, Modellrechnung 2025 zum Lehrerbedarf bis 2035 — bis zu 75.000 fehlende Lehrkräfte; Kritik an KMK-Prognosen.
  • Wido Geis-Thöne, IW Köln, Berechnung 2022 — bis zu 156.000 fehlende Lehrkräfte bis 2035.
  • Bildungsministerkonferenz (BMK/KMK), Modellrechnung Februar 2025: „Lehrkräfteeinstellungsbedarf und -angebot in der Bundesrepublik Deutschland 2024 bis 2035″ — Defizit ca. 50.000.
  • Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK (SWK), Stellungnahme „Empfehlungen zum Umgang mit dem akuten Lehrkräftemangel“ 2023.
  • OECD, PISA 2022 Ergebnisse Deutschland — stärkster Rückgang aller PISA-Runden, 30 % unter Mindeststandard Mathematik, 25,5 % im Lesen.
  • IQB-Bildungstrend 2021/2022 — anhaltender Rückgang der Grundschulkompetenzen in Deutsch und Mathematik.
  • Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR), Studie 2024: „Ungleiche Bildungschancen“ — Leistungsabstand 59–67 Punkte zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund.

Politische Berichte und Programme

  • Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), Familienreport 2024 — Wunschkinderzahl in Deutschland durchschnittlich 2,1.
  • Bertelsmann-Stiftung, Studien zum Kita- und Lehrkräftebedarf 2023–2025.
  • Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Bildungsmonitor 2024 — Bremen letzter, Sachsen erster Platz im Bundesländer-Ranking.
  • Bund-Länder-Programm „Startchancen“ ab Schuljahr 2024/2025 — gezielte Förderung von 4.000 Schulen mit hohem Anteil sozial benachteiligter Schüler.

Gesetzliche Grundlagen

  • § 24 SGB VIII — Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Kinder ab dem ersten Lebensjahr (seit 2013).
  • § 22a SGB VIII — Förderung in Tageseinrichtungen.
  • BGH, Urteil vom 20.10.2016, Az. III ZR 280/14 — Schadenersatzanspruch der Eltern bei nicht erfülltem Kitaplatz-Anspruch.
  • § 38 VwVfG — Zusicherung der Behörde.
  • Ganztagsförderungsgesetz — Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter ab 2026.

Internationale Vergleichsdaten

  • OECD Education at a Glance — Bildungsausgaben pro Kind in der Primarstufe: Deutschland 11.587 USD, Dänemark 14.273 USD.
  • Eurostat, Geburtenstatistik 2024/2025 — EU-Vergleichsdaten zur zusammengefassten Geburtenziffer.
  • Sveriges Riksbank und nationale Statistikämter Frankreich, Österreich, Italien, Schweden, Spanien, Niederlande, Finnland — Vergleichswerte 2025.

Medienrecherchen

  • Deutsches Schulportal, Dezember 2025: „Lehrermangel bleibt ein großes Problem“. deutsches-schulportal.de
  • news4teachers, Oktober 2025: „Lehrermangel — trotz Geburtenknick: Klemm nennt Prognosen der Kultusminister ,unseriös'“. news4teachers.de
  • statistiken-aktuell.de, Mischstand März 2026 zur PISA- und IQB-Auswertung Deutschland.
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